Frauen können alles und noch viel mehr - Bericht

Referat vom 3. November 2008 von Carmen Jucker

Die nachfolgende Zusammenfassung des Referates vom 3.11.08 hält uns Frauen einen nicht immer freundlichen, aber einen ehrlichen Spiegel vor Augen. Als Frau erlaube ich mir, mit meinen Geschlechtsgenossinnen etwas streng umzugehen, weil uns letztlich nur eine ehrliche Selbstreflexion weiter bringen kann und in unserem Frausein stärkt. Wenn Sie sich also schonen wollen, dann lesen Sie jetzt nicht weiter.

Das Referat befasste sich mit folgenden Fragen:

• Woher kommt das starke Verantwortungsgefühl von uns Frauen?
• Wie wirkt es sich auf unser Umfeld aus?
• Haben Frauen wirklich nur uneigennützige Motive?
• Wie wird „frau“ dieses starke Verantwortungsgefühl los?

Themen waren ausserdem:

• Geschlechterrollen
• Harmoniesucht
• Romanzesucht
• Sucht, gebraucht zu werden
• Opferrolle

Geschlechterrollen
Seit der Gleichstellung der Frau im Jahr 1970 haben sich die Rollenbilder für Frauen nicht wesentlich gewandelt, jedoch erweitert. Nach wie vor übernehmen die Frauen den Hauptteil der Haus- und Familienarbeit, sind aber gleichzeitig erwerbstätig. Der Druck auf Frauen, der oft auch von den Medien (Werbung, Frauenmagazinen, TV-Soaps) entsteht, zwingt Frauen oft in die vielfältigsten Rollen. Diese gut zu erfüllen, ist nicht immer einfach. Kaum ein Magazin, das nicht Tipps gibt, wie sich eine Frau kleiden und schminken soll oder wie sie ihren Body trimmt, damit sie auch im Alter noch wie ein junges Mädchen aussieht.  Wie sie ihren Mann im Bett verführen muss. Wie Beruf, Haushalt und Kindererziehung leicht gemacht werden und wie sie mit Leichtigkeit ein 5-Gängemenü zaubert, dabei toll aussieht und nicht nach Küche riecht.

Die Geschlechterrollen waren seit Jahrtausenden ganz klar definiert. Die Emanzipation hingegen hat noch kaum Geschichte geschrieben. Wohl besteht der Gleichstellungsartikel vor dem Gesetz. Bis jedoch jahrtausend alte Muster abgelegt sind und zu einer neuen Haltung wachsen können, braucht es mehrere Generationen.

Übrigens haben viele junge Frauen möglicherweise gar nicht mehr so einen grossen Anspruch auf Emanzipation. Der Macho hat bei weitem noch nicht ausgedient sondern soll im Gegenteil bei Frauen wieder sehr begehrt sein.

Harmoniesucht
Harmonie ist sicher etwas sehr Angenehmes und jeder Mann und jede Frau wünscht sich ein harmonisches Klima. Sei das in der Familie oder am Arbeitsplatz. Nur darf der Preis für das harmonische Klima nicht zu hoch sein.

Wenn wir einfach jedem Konflikt aus dem Wege gehen, nur um die Harmonie nicht zu gefährden, ist der Preis recht hoch, und die Harmonie ist ein Scheinfriede. Oft ist die Harmonie eher Angst vor der Auseinandersetzung und damit alles andere als das Resultat eines friedliebenden Frauenherzens. Sich durchzusetzen heisst ja auch immer, dass wir das, was dann von der Gegenseite zurückgespielt wird, auch auszuhalten. Das ist nicht immer sehr angenehm, nicht immer einfach und schon gar nicht bequem. Besonders wenig selbständige Frauen haben damit so ihre Schwierigkeiten, denn ein sich Durchsetzen kann auch eine Gefährdung der Sicherheit bedeuten. Ich gefährde damit meine Beziehung und riskiere vielleicht auch einen Liebesverlust. Denn meist haben wir Frauen bereits als kleine Mädchen gelernt, dass wir vor allem dann geliebt wurden, wenn wir brav und angepasst waren.

Romanzesucht
Frauen sind in der Regel romantischer als Männer. Auch wenn wir noch so emanzipiert sein wollen. Unsere Sehnsucht nach Romantik und nach dem Traumprinzen lässt uns in unserem Bestreben, unabhängig und emanzipiert zu sein immer wieder ein wenig zurück fallen. Oder was ist mit all den Mädchen, die Top Model werden möchten und sich dafür teilweise vor tausenden von Zuschauern regelrecht erniedrigen lassen? Wie ist es sonst zu erklären, dass Filme wie Pretty woman, Bodyguard sowie Telenovelas wie Verliebt in Berlin so grossen Erfolg verbuchen können. Es sind wohl weniger die Männer, die diese Filme zu Kassenschlagern gemacht haben. Möglicherweise liegt in uns Frauen ganz tief noch ein Kern (vermutlich ein Überbleibsel der Evolution) der sich danach sehnt, erobert und beschützt zu werden. Das zuzugeben ist keine Schande und die Suche nach Erfüllung dieser Sehnsucht ist nichts Schlimmes. Aber es ist wichtig, dass wir solche Anlagen in uns erkennen und sie reflektieren.

Opferrolle
Frauen leiden gerne und sie schmollen auch gerne. Es gibt wohl kaum eine Frau, die das, wenn sie ganz ehrlich ist, nicht bestätigen kann. Frauen sind wenig lösungsorientiert und klagen gerne, wenn sie ein Problem beschäftigt. Wie oft klagen doch Frauen über zu viel Arbeit und dass die Kinder und der Mann nie helfen. Aber sie werden in ihren Klagen selten konkret und sie wenden sich auch selten mit klaren Forderungen an ihre Familie. Ein häufig gesprochener Satz auf die Frage „was kann ich Dir helfen?“ lautet:  „es isch scho guet“ oder „wenn Ihr es selbst nicht merkt, dann mache ich es eben alleine.“ Das wäre an sich kein Problem, nur stimmt in der Regel der gesprochene Satz nicht mit der wirklichen Haltung von uns Frauen überein. Wir sind gekränkt, zeigen dies auch nonverbal und lassen bei unseren Mitmenschen ein Gefühl von Schuld zurück. Die Opferrolle ist eine der schlimmsten Rollen überhaupt. Sie vergiftet jedes Klima. Und sie ist leider eher weiblich als männlich. Kürzlich sagte Adolf Muschg in einem Interview in der Schweizer Illustrierten: „als Opfer war Mutter gut.“ Es ist anzunehmen dass neben Muschg auch andere Männer und natürlich auch Frauen unter der Märtyrerhaltung vieler weiblicher Wesen leiden. Übrigens finden sich in der Literatur einige Beispiele von Frauen, die sich zuerst über das Leiden definierten mussten, bevor sie zum wahren Glück fanden. Denken wir an das Märchen „König Drosselbart“ oder an „Der Widerspenstigen Zähmung“ oder auch an das berühmte Musical „My fair Lady.“  

Die Sucht, gebraucht zu werden
Wer immer für andere da ist, ist nicht bei sich. Wer nur andere umsorgt, umsorgt sich nicht selber. Wer nur andere verwöhnt, verwöhnt sich selbst ungenügend. Es gibt ein Wort, das sagt eigentlich alles: S e l b s t l o s i g k e i t. Wer selbstlos ist, kann seinem Selbst nicht Sorge tragen. Deshalb geht meiner Meinung nach ein überstarkes Verantwortungsgefühl  meist auch mit einem mangelnden Selbstwertgefühl einher. Wir glauben, dass wir nur etwas wert sind, wenn wir uns nützlich machen. Wir müssen etwas tun, um anerkannt zu werden. Wir müssen etwas tun, um geliebt zu werden.

Je geringer der eigene Selbstwert allerdings ist, umso mehr Anerkennung hätten wir nötig. Das kann zu einem Teufelskreis führen, denn gerade in der Familie wird mit Anerkennung meist sparsam umgegangen. Das heisst, dass wir das Gefühl vermittelt bekommen, es genüge nicht, was wir schon machen. Also strengen wir uns noch mehr an.

Nun galt Selbstlosigkeit und das „Immer-Da-Sein“ während Jahrhunderten als eine ehrenwerte Charaktereigenschaft. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass diese Eigenschaft alles andere als nur ehrenwert ist. Und dabei wären wir bei der zweiten Frage zu diesem Thema:

Wie wirkt die Sucht, gebraucht zu werden auf unser Umfeld?

Haben Sie sich schon einmal überlegt, was der Satz  "Geben ist seliger als Nehmen" bedeutet? Wenn der Gebende wirklich selig ist, was ist in diesem Falle der Nehmende? Ist er  "Unselig"?

Ich höre von Frauen sehr oft den Satz: "Ich gebe viel lieber, als dass ich nehme". Um zu verstehen, was das Geben für den Nehmenden bedeutet, müssen wir nämlich zuerst einmal lernen zu  nehmen.
• Wir müssen das Gefühl kennen, wie es uns dabei geht, wenn uns gegeben wird.
• Und vor allem das Gefühl, wenn uns mehr gegeben wird, als wir wollen.
• Wenn uns etwas gegeben wird, um das wir nicht gebeten haben.
• Wenn wir mehr erhalten, als wir je zurückgeben können.

Das gibt ein Ungleichgewicht in jeder Beziehung. 

Es gibt sehr wenige so gute Menschen, die aus altruistischen Gründen geben, keinen Dank erwarten und die beim Geben immer glücklich sind.

Wer gibt,  erwartet in der Regel Dank und Bestätigung, kleidet sich gerne mit der Opfer- oder Märtyrerrolle oder fühlt sich auch ausgenutzt, wenn Dank und Bestätigung ausbleiben. Das anfangs erwähnte Harmoniebedürfnis verbietet uns Frauen oft, diese Gefühle auch auszusprechen.

Sind wir Frauen selbstlose Wesen?
Wohl kaum. Wir haben, wenn wir immer für alle da sind und uns unentbehrlich fühlen, sehr viel Macht und Kontrolle und zwar auf eine oft schwer fassbare Art. Wir sind ja immer für alle da. Wir opfern uns auf für die Familie, für den Verein, für die Firma. Und niemand sieht es und niemand hilft oder nimmt unser Leiden wahr. Und wir brauchen es auch gar nicht klar zu kommunizieren, denn wenn die alle nicht merken, wie sehr wir uns ausgenützt fühlen, dann sind sie selber schuld. Mit diesem Verhalten üben wir Macht über unsere Mitmenschen aus.

Rezepte und Tipps
• Sagen Sie Ihre Meinung direkt und nicht in vorwurfsvollem Ton.
• Nehmen Sie das Gesagte nicht gleich wieder zurück, weil Sie Angst vor Liebesverlust haben.
• Erwarten Sie nicht, dass Männer merken, was Sie brauchen (sie merken es selten)
• Gehen Sie, wenn Sie unbedingt klagen müssen, auf Lösungsvorschläge ein.
• Sagen Sie, was Sie meinen. Wenn Sie sagen: „isch scho guet!“ dann verhalten Sie sich auch entsprechend.
• Seien Sie selbstbewusst. Meiden Sie Sätze wie: „über mich gibt es nicht viel zu sagen“ oder „ich bin halt nicht so geübt wie meine Vorredner“ oder gar „und meine Wenigkeit.“
• Verschaffen Sie sich in erster Linie Respekt und seien Sie nicht so sehr davon abhängig, dass Sie beliebt sind.

Und last, but not least:

Stellen Sie sich immer die Frage

• Muss ich das tun?
• Will ich das tun?

Wenn Sie auf beide Fragen mit Nein antworten können, dann tun Sie es einfach nicht.

Wenn Sie es aber trotzdem tun, dann sind Sie selbst schuld. Machen Sie nicht andere dafür verantwortlich, wenn Sie nicht NEIN sagen können. Machen Sie es bitte mit Freude.

Carmen Jucker